Teil 4: Integration neu denken: Blinde Flecken der Integrationsindikatoren

Integrationsstudie - Teil 4: Integration neu denken: Blinde Flecken der Integrationsindikatoren
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Integrationsstudie - Teil 4: Integration neu denken: Blinde Flecken der Integrationsindikatoren

„Integration neu denken: Blinde Flecken der Integrationsindikatoren“ ist das 4. Arbeitspapier, welches wir Ihnen vorstellen möchten. Das vierte von fünf in Auftrag gegebenen Arbeitspapieren ist vom Bildungsverein – Offene Gesellschaft in Auftrag gegeben.

Das vierte Arbeitspapier handelt von: Integration neu denken: Blinde Flecken der Integrationsindikatoren

Einleitung

In den bisherigen Arbeitspapieren dieses Projekts wurde nicht nur der Integrationsbegriff definiert (Arbeitspapier 1), sondern auch die zur Messung der Integration verwendeten Indikatoren dreier Studien vorgestellt (Arbeitspapier 2) und theoretisch verortet (Arbeitspapier 3). Dabei wurde u.a. festgestellt, dass die im Nationalen Aktionsplan für Integration (NAP) verwendeten Indikatoren (siehe BM:I, 2010 bzw. Faßmann, 2009 für die Integrationsindikatoren des NAP) nicht immer zur Messung von Integration geeignet sind. So sind sie teilweise nicht ausreichend operationalisiert und ihre Validität daher in Frage zu stellen.

Abseits dieser methodischen Kritik sind die Integrationsindikatoren des NAP auch aus einer vorwiegend theoretischen Perspektive zu kritisieren (mit methodischen Konsequenzen): Wenn die Integration aus vier Dimensionen zu betrachten ist bzw. der Integrationsbegriff vier Dimensionen aufweist (strukturelle, kulturelle, soziale und identifikative Integration, vgl. Heckmann, 2015; aber auch Faßmann, 2009 bzw. siehe unten), so sollten die verwendeten Integrationsindikatoren auch auf diese Dimensionen abgestimmt sein. Ist das nicht der Fall und werden nicht alle Dimensionen der Integration von den verwendeten Indikatoren erfasst oder eine Dimension besonders stark überrepräsentiert, so wird der Integrationsbegriff unzulässig in seiner theoretischen Bedeutung verkürzt. In diesem Fall ist das Ergebnis dasselbe wie bei einer mangelhaften Operationalisierung von Integrationsindikatoren: Die Validität der Messung des Integrationserfolgs ist zumindest in Frage zu stellen, wenn nicht gänzlich abzusprechen (zumindest was die ganzheitliche und theoretisch begründete Definition von Integration betrifft).

Abseits dieser methodischen und theoretischen Kritik lassen sich noch weitere Kritikpunkte an den Integrationsindikatoren des NAP formulieren: So zeigt sich beim NAP, dass eine besonders starke Betonung der Integration auf Mikro- ebene gegeben ist. Andere Studien zu Integrationsindikatoren (bspw. der Migrant Integration Policy Index 2015, MIPEX, vgl. Huddleston et al. 2015) betrachten hingegen auch (bzw. überwiegend) die Makroebene der Integration(smöglichkeiten) in das Soziale System. Dadurch erfolgt auch eine Verschiebung der Perspektive auf den Integrationsprozess; weg von den Betroffenen hin zu den Verantwortlichen bzw. zur Systemebene (und damit auch hin zu den Möglichkeiten zur Integration). Um ein umfassendes Bild der Integration in Österreich zu erhalten, sollen daher im Idealfall sowohl die Mikro- als auch die Makroebene berücksichtigt werden. Das bedeutet, dass nicht nur aggregierte Individuen und ihre Verteilung nach diversen Merkmalen der einzige Fokus von Integrationsindikatoren sind, sondern auch die Makroebene des sozialen und politischen Systems auf seine Anteile von Migrant/-innen nach diversen Merkmalen untersucht werden (bestenfalls auch ergänzt um Integrationsprozesse und dazugehörige Indikatoren auf der Mesoebene).1

Zuletzt sind die Integrationsindikatoren bzw. die Auswahl an Integrationsindikatoren auch aus einer politisch-konzeptuellen Perspektive heraus zu kritisieren. So nehmen sie keinen oder kaum einen Bezug darauf, worin die Integration von Migrant/-innen denn erfolgt: Nämlich die österreichische Gesellschaft bzw. die Republik Österreich. Daher muss bei der Konzeptualisierung von Integrationsindikatoren berücksichtigt werden, dass Österreich eine Demokratie und ein Mitgliedsstaat der Europäischen Union ist. Die österreichische Gesellschaft entsteht durch Zusammenarbeit, so wie auch jede andere moderne Gesellschaft im Allgemeinen auf Arbeitsteilung beruht; Zusammenarbeit und Arbeitsteilung sind daher Arbeit. Die Arbeit und Leistungen von Migrant/-innen sind daher entsprechend zur Kenntnis zu nehmen und zu würdigen. Die Diversität der Gesellschaft ist nichts, das es erst zu verwirklichen gilt; denn sie ist bereits eine Tatsache und Alltag der österreichischen Gesellschaft.

In diesem Arbeitspapier werden daher neue umfassendere Indikatoren für die Integration in Österreich entwickelt, präsentiert und diskutiert. Diese haben das Ziel, Integration einerseits in allen theoretisch relevanten Dimensionen zu messen und andererseits alle relevanten Ebenen der Integration zu erfassen, um die Validität der Messung des Integrationserfolgs sicherzustellen.



red/RC